Hintergrund
Libanon zwischen Revolution und Resignation

Staatspräsident Emile Lahoud hat sich scheinbar in eine aussichtslose Lage manövriert. Die Bevölkerung fragt sich, ob dies ein Fehler oder simple Taktiererei war und ob sich überhaupt etwas ändern kann.

So lange ein gemeinsames Ziel erreicht werden kann, spielen politische und religiöse Differenzen keine Rolle.
Bild: rue

„Mich interessiert nicht, was in Beirut vor sich geht“, gesteht ein Libanese Mitte Dreissig, der im Bürgerkrieg auf der Seite der christlichen Befreiungsarmee gekämpft hatte. „Die Libanesen sind zu gierig. Was immer geschieht, am Ende ist es doch immer dasselbe. Jeder schaut nur für sich.“

Eine beeindruckende Aussage vor dem Hintergrund, dass soeben die ganze Pro-Syrische-Regierung (exklusive dem Präsidenten) zurückgetreten ist. Doch ein Frau pflichtet ihm zu: „Man muss zuerst wissen, warum sie zurückgetreten sind, und was sie als nächstes vorhaben.“

Rein politisch betrachtet gibt es zwei Optionen: Der Präsident bildet eine neue Regierung oder demissioniert. Bei einer Demission würde vermutlich die Armee die Staatsführung übernehmen, aber selbst das ist für die Einheimischen unwesentlich.

Veränderungen, neue Regierungen, Krieg und Hoffnung hat dieses Land in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder gesehen. Eine wesentliche Veränderung hat nichts von all dem gebracht. „Zwei meiner Brüder wurden im Bürgerkrieg schwer verletzt“, sagt einer. „Wofür? Es hat alles nicht gebracht“.

Das Problem liegt in der rasanten Dynamik der vergangenen zwei Wochen. Das Attentat auf Rafik Hariri hat Proteste ausgelöst, wie sie das Land seit fast fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen hat. Spontan entwickelten sich Trauerkundgebungen in Demonstrationen für Demokratie und Unabhängigkeit. Die Demonstranten kamen aus allen politischen Richtungen und standen geeint für diese Ziele ein. Eine solide Basis für diesen geeinten Volkswillen fehlt allerdings.

Auch das zeigt sich am schnellsten auf der Strasse: An den ersten Kundgebungen war auf den mitgetragenen Fahnen hauptsächlich die Nationalflagge zu sehen. Doch bereits am Montagabend tauchten vermehrt die Farben der religiösen und politischen Parteien auf so wie jene der ehemaligen Bürgerkriegs-Parteien.

Egal wie gross die politischen Veränderungen zurzeit sind, einen nachhaltigen Gesinnungswechsel wird sie nicht zwingen bewirken. „Selbst wenn die Syrier endlich abziehen, wird sich nicht viel ändern“, erklärt ein Demonstrant. „Die Libanesen werden einfach weiter machen wie die Syrier.“

rue

 

 


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